Tagung
Neurechte Verbindungen von Religion und Politik – und ihre Bezüge zur Zeit um 1800

10. November 2026 to 11. November 2026
Stiftung LEUCOREA, Wittenberg

Die Tagung hat folgende wissenschaftlich Zielsetzung: In der Gegenwart kommt es zu überraschenden Allianzen zwischen Religion und Politik. Über lange Zeit wurde wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass liberale Demokratien westlicher Prägung zwar von Voraussetzungen leben, die sie selbst nicht garantieren können, dass eben diese Gesellschaftsformationen aber vornehmlich auf aufklärerische Traditionen rekurrieren, die den Verfassungsstaat, Verfahrensregelungen und parteipolitische Agonalität ins Zentrum stellen. Gegenwärtig artikulieren sich nicht nur Positionen fundamentaler Liberalismus- und Demokratiekritik, sondern – oftmals damit verbunden – auch neue Angebote religiös fundierter Politikkonzepte. Die Positionen reichen dabei von einer kulturalistischen Indienstnahme des Christentums bis hin zu Bekenntnissen, die sich etwa evangelikal-fundamentalistischen (Rudolphi 2023) oder integralistischen (Strube 2025) Bewegungen zuordnen lassen.

Die Erforschung der Überschneidungen von Teilen dieser Bewegungen mit der politisch extremen Rechten ist seit einigen Jahren in den Fokus von Soziologie und Politikwissenschaften gerückt. Die geplante Tagung möchte an sozialwissenschaftliche, ideengeschichtliche und theologische Forschungsbeiträge anschließen, die nach dem Fortwirken von Topoi aus der Zeit um 1800 in der gegenwärtigen Phänomenlandschaft fragen (Weiß 2011; 2017; 2025a; Aichele 2021). Dieses methodische Vorgehen liegt in der Annahme begründet, dass sich in der Sattelzeit postaufklärerisch und postrevolutionär politische Entwürfe finden, die als Restitution einer religiösen Fundierung von Politik gelesen werden können. Gerade in einem historischen Moment forcierter gesellschaftlicher Modernisierung, sich beschleunigender Säkularisierung und einer zunehmenden Zentralstellung des Subjekts wird mit Konzepten eines religiös fundierten Politik- und Staatsverständnisses experimentiert. Konfrontiert mit einer Freisetzung des Individuums aus traditionellen sozialen und kulturellen Bindungen und der Erosion der Institutionen des Ancien Régimes werden Moral und Politik, Religion und Staat wieder aufeinander bezogen. Zu nennen wären hier insbesondere Autoren der (politischen) Romantik wie Friedrich von Hardenberg (Die Christenheit oder Europa), Friedrich Schlegel (Versuch über den Begriff des Republikanismus) oder Adam Müller (Elemente der Staatskunst). Im europäischen Kontext wäre an Chateaubriand oder den späten Wordsworth zu denken (Vgl. Morrow 2011, Moggach 2016, Stiening 2022, Schmidt 2024).

Die geplante Veranstaltung geht von der Annahme aus, dass sich um 1800 Dynamiken der Liberalismus-, Demokratie- und Modernekritik ausbilden, die einerseits auf den genannten gesellschaftsverändernden Prozessen basieren, die darauf andererseits reagieren, indem sie die Überwindung einer allein säkularen Ordnung und die Dissoziation von Individuen und Staat durch eine religiöse Fundierung politischen Handelns imaginieren. Artikuliert wird die anhaltende Sehnsucht nach organischen politischen und sozialen Gemeinschaften, solchen, die einen transzendenten Bezugspunkt kennen.

Zu fragen wäre, welche Aspekte der um 1800 geführten Debatten in der Gegenwart als attraktiv gelten, welche Formen religiös grundierter Politik gegenwärtig verstärkt aufgerufen und fortgeschrieben werden – wobei dies sowohl durch die Übernahme tradierter Denkmuster als auch durch expliziten Rekurs auf einzelne Autoren und kulturelle Strömungen geschehen kann. Der Historiker Volker Weiß etwa hat jüngst einer ideenpolitisch interessierten Neuen Rechten die „Hinwendung […] zu einer ‚ausgesuchten Lesart‘ des Christentums“ (Weiß 2025b, 79) attestiert und diesen Befund auf die Analyse einer Ausgabe des neurechten Publikationsorgans Sezession (2007/ Titel Christentum) gestützt. Der studierte Historiker und Theologe Karlheinz Weißmann begibt sich hier auf die Suche nach einer Verbindung von ‚Deutschtum‘ und Christentum und wird in der Romantik fündig: Weißmann dient die Romantik als Beleg einer vermeintlich genuinen Bindung des Protestantismus an das ‚deutsche Volk‘. Damit belebt er eine Narration, die über eine völkische Deutung des Christentums und deren Zusammenspiel mit wirkungsmächtigen kulturhistorischen Strömungen des 19. Jahrhunderts ein Gegengewicht setzen will zu Prozessen der Liberalisierung und Pluralisierung. Symptomatisch wird hier deutlich, wie stark sich das Denken der extremen Rechten durch ein spezifisches ‚Unbehagen an der Moderne‘ (Taylor 1995) auszeichnet (Stern 1962; Weiß 2017,191).

Gegenstand der geplanten Tagung wird die anhaltende Dynamik einer Modernekritik sein, die in wenigstens drei spezifischen Bereichen analysiert werden soll: 1. unter dem Aspekt des Kulturpessimismus, 2. unter dem Aspekt des Post-Liberalismus, 3. unter dem Aspekt einer politisch aufgeladenen Naturkonzeption bzw. des Ethnopluralismus. Die grundsätzlich auf den europäischen Kontext konzentrierte Diskussion soll dabei durch eine transatlantisch vergleichende Perspektive entscheidend erweitert werden: Es werden Experten für gegenwärtige U.S.-amerikanische Debatten hinzugezogen. Zentral ist in allen drei Bereichen die theologische Perspektive: Denn aus theologischer Sicht lassen sich nicht nur die (konfessionell durchaus divergierenden) Traditionsbezüge, sondern auch die gegenwärtigen Funktionalisierungen von Religion präzise prüfen: Wozu amalgamieren sich (neurechte) politische Positionen heute mit Religion? Welche Formen politischer Theologie prägen sich derzeit aus?