Tagung
„Lost in TransNation“ - (Trans-)Nationale Figuren in der Kunst um 1800?

24. Februar 2027 bis 26. Februar 2027
Senatssaal, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Zeit um 1800 war von einer Parallelität nationalen und transnationalen Denkens geprägt. Es entwickelte sich ein Verständnis der eigenen ‚Nation‘ im modernen Sinne, nicht zuletzt durch Abgrenzungsmomente, die die eigene Geschichte und Literatur mobilisierten. Dabei konnten jedoch Figuren, die zu Kristallisationspunkten nationaler Identitätsbildung wurden, zugleich auch transnational als kulturelle Bezugspunkte dienen und angeeignet werden. Während William Shakespeare in England als Verkörperung englischer Literatur und Kultur gefeiert wurde, konnte er gleichzeitig durch den Deutschen Johann Gottfried Herder als größter „Dichter der nordischen Menschheit“[1] appropriiert werden. Derartige nationale und transnationale Aneignungsprozesse von kulturellen Referenzfiguren scheinen charakteristisch für die Romantik(en) zu sein. 

Sie zeigen sich nicht zuletzt in der bildenden Kunst der Zeit. Dabei standen nicht nur Dichter:innen und Schriftsteller:innen im Fokus. Neben Dante Alighieri, William Shakespeare, John Milton, Johann Wolfgang von Goethe oder Lord George Byron übten auch die von ihnen erdachten oder verarbeiteten Figuren eine starke Faszination aus. Beatrice und Vergil, Macbeth und die Hexen, Robin Goodfellow, Mephisto, Gretchen und Manfred erfuhren eine bemerkenswerte Konjunktur in der bildenden Kunst Europas in der Sattelzeit. Auch der Ossian-Stoff des Schotten James Macpherson wurde sowohl von dem Briten Joseph Mallord William Turner und dem Dänen Nicolas Abildgaard als auch von dem Franzosen François Gérard und dem US-Amerikaner John Trumbull malerisch verarbeitet. Das gilt ebenso für typenhafte Charaktere wie die Figur des Mönches, die für den Engländer Matthew Gregory Lewis (1796) ebenso wie für die Franzosen Pierre-Paul Prud’hon (1797) und Louis-Édouard Rioult (1831) von Interesse war. Auffällig ist, wie häufig in der bildenden Kunst individuelle Akteure, selbst Nebenfiguren, aus ihren erzählerischen Kontexten herausgehoben und als isolierte Figuren[2] zentrale Gegenstände von Darstellungen wurden. Mit der Dekontextualisierung ging nicht selten eine Betonung der Individualität der jeweiligen Figur einher. Auf diese Weise konnten bildliche Darstellungen von Figuren vielfältige Anschlussstellen für unterschiedliche Aneignungen und Aktualisierungen bieten. Indem Bilder die Bestimmung einer Figur durch einen erzählerischen Kontext in den Hintergrund treten ließen, luden sie dazu ein, neue Bestimmungen, Charakterisierungen und narrative Einbindungen vorzunehmen. Die tendenziell dekontextualisierten und individualisierten Figuren boten Vorlagen zur Identifikation. 

Im Zentrum des Workshops „Lost in (Trans-)Nation“ sollen kulturelle Referenzfiguren und deren visuelle Darstellung in der Sattelzeit zwischen 1750 und 1850 stehen. Das Interesse gilt sowohl fiktionalen Figuren (z.B. Mephisto) als auch fiktionalisierten Figuren, d.h. Akteuren, die zwar historisch belegt sind, aber deren Bild auch durch fiktionale Texte geprägt wurde (z.B. Macbeth, Faust), darunter auch Dichter:innen oder Künstler:innen (z.B. Dante, Raffael). Der Workshop soll Übersetzungs- und Vermittlungsbewegungen fiktionaler und fiktionalisierter Figuren in der Kunst im europäischen Raum um 1800 nachvollziehen. Er geht der Frage nach, ob spezifische Formen der bildlichen Darstellung, die um 1800 verbreitet waren, eine Gleichzeitigkeit nationaler und transnationaler Aneignungen befördert haben. Wie unterscheiden sich verschiedene Lesarten ein- und derselben Figur und wie hängen diese Unterschiede mit Konjunkturen von Bildtypen und Darstellungsformen zusammen? Für die Beantwortung dieser Fragen zielen wir auf einen interdisziplinären Ansatz, der sich Überschneidungen der kultur- und bildwissenschaftlichen Disziplinen mit historischem Fokus zunutze machen möchte. 

Anmerkungen

[1] Herder, Johann Gottfried von: Von Deutscher Art und Kunst, Hamburg 1773, S. 93.
[2] Nach dem Figur-Begriff von Eder, Jannidis und Schneider: „The German Figur in turn has its roots in the Latin figura, and suggests a form that contrasts with the background.“ Eder, Jens/ Jannidis, Fotis/ Schneider, Ralf: Characters in Fictional Worlds. An Introduction, in: dies. (Hg.): Characters in Fictional Worlds, Berlin/ New York 2010, S. 7.

Call for Papers

Neben bereits feststehenden Gästen möchten wir auch explizit Wissenschaftler:innen in frühen Karrierephasen willkommen heißen. So richtet sich diese Ausschreibung vorrangig an Promovierende oder erst seit kurzem Promovierte. Wir bitten um die Zusendung eines tabellarischen Lebenslaufs von max. 2 Seiten sowie eines Abstracts mit Vortragstitel bis zum 31. Oktober. Der Umfang des Abstracts sollte eine Anzahl von 300 Wörtern möglichst nicht überschreiten. Für die Vorträge ist eine Länge von maximal 25 Minuten vorgesehen, sodass genügend Zeit für Fragen und Diskussion bleibt. 

Bewerbungen an: europaeischeromantik(at)uni-jena.de