Sommerkurs 2026
Hat die Vernunft Grenzen? Zum philosophischen Begriffswandel in Deutschland um 1800

01. Juni 2026 bis 05. Juni 2026
Wielandakademie Oßmannstedt

Der Sommerkurs bietet jungen Wissenschaftler*innen die Chance, sich gemeinsam mit einer renommierten Forschungspersönlichkeit intensiv einem geistes- oder kulturwissenschaftlichen Thema zu widmen.

Die Klassik Stiftung Weimar veranstaltet seit 2010 zusammen mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena internationale Sommerkurse, um jungen Wissenschaftler*innen die Möglichkeit zu eröffnen, sich gemeinsam mit einer renommierten Forschungspersönlichkeit intensiv mit einem zentralen geisteswissenschaftlichen Thema auseinanderzusetzen. Durch die Verbindung der kulturellen Überlieferungen und Sammlungen Weimars mit Fragen und Theorien der Gegenwart entsteht ein einzigartiger Ort des Austauschs. Seit 2026 finden die Sommerkurse in Kooperation mit dem Jenaer Zentrum für Romantikforschung statt. 

Hat die Vernunft Grenzen? Zum philosophischen Begriffswandel in Deutschland um 1800

Nicht nur Kant, sondern auch viele seiner Zeitgenossen waren davon überzeugt, dass er mit seiner Kritik der reinen Vernunft eine philosophische Revolution vollbracht habe, hinter die man nie wieder werde zurückgehen können. Dabei handelte es sich vor allem um die Einsicht, dass es keine Metaphysik im traditionellen Sinn geben könne, genauer: dass apriorische Erkenntnisse in der Philosophie zwar möglich seien, diese aber notwendig auf mögliche sinnliche Erfahrung und auf diskursives Denken eingeschränkt bleiben müssen. Eine Erkenntnis darüber hinaus sei uns Menschen nicht möglich. 

Trotzdem entstanden in kürzester Zeit und noch zu Kants Lebenszeit ganz neue philosophische Konzeptionen, die dessen Erkenntnisgrenzen überschritten und seine grundlegenden Begriffe erweiterten, und zwar mit dem Anspruch, mit Kant über Kant hinauszugehen. Wie ist das im Einzelnen zu verstehen? Im Sommerkurs der Klassik Stiftung Weimar 2026 werden wir uns primär darauf konzentrieren, diejenigen Argumente zu isolieren und zu analysieren, die zu diesen Revisionen geführt haben. Dabei werden wir sie auch mit Kants eigenen Revisionen in seinem Spätwerk, dem sog. Opus postumum, vergleichen. Eine der Leitfragen in diesem Kurs wird sein, ob Kants grundlegenden Begriffen selbst bereits eine Dynamik innewohnt, die über sie hinausdrängt. 

Mögliche Themen und Fragen sind:

  • Sinnlichkeit und Diskursivität bei Kant: Warum ist Anschauung für Kant notwendig sinnlich, während dem Verstand ausschließlich eine diskursive Form der Erkenntnis zukommt?
  • Das ‚Ich‘ als Erkenntnisinstanz: Ist das Ich wie bei Kant eine Vorstellung, oder muss es — mit Fichte — als intellektuelle Anschauung begriffen werden?
  • ‚Leben‘ und Diskursivität: Leben als Grenzproblem des diskursiven Verstandes oder: zur epistemologischen Funktion des ‚Als-ob‘.
  • Begriff und Bewegung: Gibt es ‚lebendige‘ bzw. sich ‚selbst bewegende‘ Begriffe (Kant, Fichte, Hegel)?
  • Grenzen der Erkenntnis: Bestimmung transzendentaler Erkenntnisgrenzen (Kant) versus „Kautelen des Beobachters“ (Goethe) – welche Position ist philosophisch plausibler?
  • Intuitiver Verstand und anschauende Urteilskraft: Was ist unter einem intuitiven Verstand zu verstehen, und inwiefern ist er als Möglichkeit der Erkenntnis denkbar?

Leiter des Sommerkurses 2026: Eckart Förster

Eckart Förster war von 1996 bis 2003 Ordinarius für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und lehrte anschließend bis zu seiner Emeritierung 2021 als Professor of Philosophy, German, and the Humanities an der Johns Hopkins University in Baltimore. Zuvor hatte er in Oxford, Harvard und Stanford gelehrt, ergänzt durch zahlreiche Gastprofessuren in Nord- und Südamerika. Sein Studium absolvierte er in Frankfurt und Oxford, wo er bei P. F. Strawson mit einer Arbeit zu transzendentalen Argumenten promoviert wurde. Zudem ist er Honorarprofessor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für sein Buch Die 25 Jahre der Philosophie wurde Eckart Förster mit dem renommierten Kuno-Fischer-Preis der Universität Heidelberg ausgezeichnet.

Neuere Schriften in Auswahl: 

  • Grenzen der Erkenntnis?  Untersuchungen zu Kant und dem, Deutschen Idealismus. Stuttgart-Bad Cannstatt 2022.
  • Opus postumum. In: Kleines Kant-Lexikon. Hg. v. Larissa Berger u. Elke Elisabeth Schmidt. Paderborn 2018. S. 95-100.
  • Die 25 Jahre der Philosophie. Frankfurt am Main 2018.
  • Das Paradox von Hegels Jenaer Logik. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 72,2 (2018). S. 145-161.

Bewerbungsmodalitäten und Basisinformationen (Einsendeschluss: 15. März 2026)

Der Sommerkurs richtet sich insbesondere an Promovierende und Post-Doktorand*innen kultur- und geisteswissenschaftlicher Fächer. Interessierte senden bitte bis zum 15. März 2026 einen tabellarischen Lebenslauf sowie ein kurzes Motivationsschreiben (ca. 1 Seite) an: florian.auerochs@klassik-stiftung.de

Veranstaltungsort ist das etwa zehn Kilometer von Weimar entfernt liegende Wielandgut Oßmannstedt. Neben der gemeinsamen Arbeit an Texten, die wir den Teilnehmenden vorab zur Verfügung stellen und die wir aktiv in gemeinsamen Diskussionen erschließen, beinhaltet der Sommerkurs auch Führungen in den Einrichtungen der Klassik Stiftung Weimar sowie einen öffentlichen Abendvortrag in den Räumlichkeiten des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar.

Für die Teilnahme an dem Sommerkurs inklusive Unterkunft und Verpflegung in Oßmannstedt sowie das kulturelle Rahmenprogramm in Weimar und Umgebung wird eine Gebühr von 80 Euro erhoben.

Der Austausch in Präsenz und das Einbeziehen der kulturellen Angebote vor Ort sind für uns essenzielle Bestandteile des Sommerkurses.